intellectual vanities… about close to everything

Tibet – Klöster öffnen ihre Schatzkammern. Berlin, 21. Februar – 28. Mai 2007

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Tibet – Klöster öffnen ihre Schatzkammern, Sonderausstellungshalle der Museen Berlin-Dahlem, Lansstraße 8

tausendarmiger_avalokiteshvara_17_jhd.jpg Avalokitesvara hört alles, sieht alles. Und hilft. Ein Strahlenbüschel von tausend Armen wächst aus der elfköpfigen Goldfigur. Anonyme Künstler haben den Heiligen mit Liebe zum Detail geschaffen, bis in die Fingerspitzen hinein. „Oh Juwel und Lotos Haltender, schaue nach mir“ lautet das Mantra der Gläubigen an den Schutzpatron Tibets, der Tatkraft und Hilfe für alle Lebewesen verkörpert.

Rund 200 000 Besucher strömten letztes Jahr in die Ausstellung „Tibet – Klöster öffnen ihre Schatzkammern“ in der Essener Villa Hügel. Die weltweit erste Großausstellung sakraler Objekte aus Tibet ist jetzt in der Sonderausstellungshalle der Museen Dahlem zu sehen. Eine prächtige wie anspruchsvolle Schau: denn die rein ästhetische Betrachtung greift hier zu kurz. Als Symbol einer geistigen Welt müssen die 150 Skulpturen, Kultobjekte, Mandalas und Handschriften gelesen werden. Tibetische Klöster wie Sakya, Tashi Lhünpo, Gyantse Palkhor Chöde oder Shalu gaben erstmals Werke frei.

Der größte Trumpf wird gleich im Entrée ausgespielt: Zehn vergoldete Lehrmeister sind lebensgroß im Lotossitz versammelt. Sie stammen aus dem Kloster Mindröl Ling und haben Tibet bisher nie verlassen. Geballte Weisheit, die für das Meditationssystem des „Lamdre“ steht, das seinen Schülern den Weg zur Erleuchtung in nur einem Leben weisen soll. Der Eingang ins Nirvana ist das höchste Ziel auch im tibetischen Buddhismus. Die Ausstellung präsentiert rund 150 Exponate – von lebensgroßen Skulpturen über Gemälde, Rollbilder und vielgestaltige Mandalas bis hin zu Schreinen, Tempeldekor und Altargerät. Sie zeigen in vielfältigen Formen und Symbolen Buddhas, Bodhisattvas, Lehrmeister, Meditations- und Schutzgottheiten sowie Himmelswandlerinnen. Auch wenn den Betrachter vor allem ihre Schönheit und Pracht beeindruckt, sind es keine autonomen Kunstwerke nach westlichem Verständnis, sondern Kult- und Ritualobjekte, die Einblick in das Selbstverständnis buddhistischer Kultur gewähren und von einer gelebten Religiosität zeugen. Sie wurden zwischen dem 5. und dem frühen 20. Jahrhundert von meist anonymen Künstlern in Tibet, Indien, Nepal, Burma, Kaschmir und China geschaffen und werden bis heute in den Klöstern verehrt.

Die Schau war thematisch gegliedert: Im Mittelpunkt stand die erwähnte Figurengruppe der zehn annähernd lebensgroßen Bronzeporträts spiritueller Meister.dragpa_gyaltshen_16_jhd.jpg

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Vielzahl buddhistischer Gottheiten und Lehrmeister. Glanzpunkte in dieser Gruppe sind eine große Skulptur des Tausendarmigen Avalokitesvara, ein außergewöhnlich gut erhaltenes indisches illuminiertes Manuskript aus dem 11. Jahrhundert sowie die zum Teil uralten, kunstvoll gemalten, gestickten oder gewebten Rollbilder, so genannte Thangkas.

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Ein drittes Ausstellungskapitel widmete sich dem Mandala – dem heiligen Kreis des tantrischen Buddhismus, der den Makrokosmos des Universums mit dem Mikrokosmos der menschlichen Erfahrungen verbindet.lotosmandala_des_chakrasamvara_12_jhd.jpg

Einblicke in den religiösen Alltag gab der vierte Block: eine Zusammenstellung von Insignien und Gebrauchsgegenständen religiöser Herrscher, Schreinen und Altargerät, Ritual- und Weihegegenständen, Tempeldekor sowie Musikinstrumenten und Tanzmasken.

Der fünfte Bereich befasste sich mit tibetischer Medizin, die in ihrem ganzheitlichen Ansatz in einem engen Zusammenhang mit der Kultur und der Religion des Landes steht.

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Die ausgestellten Gegenstände erwiesen sich als Amalgam von Stilen benachbarter Regionen. So haben sich in einem mit Wasserfarben gemalten Rollbild (Thangka) bengalische und nepalesische Merkmale eingeschrieben. Zu sehen ist der historische Buddha auf dem Erleuchtungsthron, umgeben von Szenen aus seinem Leben, wie sie auch Hermann Hesse in „Siddharta“ beschreibt.

In den faszinierenden Mandalas der Ausstellung kreist der gesamte Kosmos um den Heiligen im Zentrum.

Das jüngste Ausstellungsstück, eine kurios-allegorische Landkarte von 1941, präsentiert das Land als Dämonenfrau, die besänftigt wurde, weil Klöster aus ihren Organen und Gelenken aufragen.

Ältestes Exponat ist ein kleiner sitzender Buddha, den eine chinesische Prinzessin in den Himalaya mitgebracht haben soll, im fünften nachchristlichen Jahrhundert. Erst zweihundert Jahre später schlug der Buddhismus in Tibet feste Wurzeln.

Dass „Schneeland“ bis 1950 theokratisch regiert wurde, deutet ein Abschnitt an, der Besitzgüter des Dalai Lama präsentiert. Neben einem abgenutzten Sattel finden sich Gebetsmühle, Glocke, rituelle Wasserkanne und ein goldglänzendes, mit Otterpelz verziertes Brokatgewand. Es stammt aus der früheren Residenz des Herrschers in Potala, Lhasa. Vermutlich hat es dem dreizehnten Dalai-Lama gehört. Wie so häufig sind die Kunsthistoriker hier auf Vermutungen angewiesen – die klösterlichen Leihgeber halten sich bedeckt. Aus dem Besitz des jetzigen Dalai Lama, der nur einen Teil seiner Schätze ins indische Exil mitnahm, darf nichts die Region verlassen, berichtet die Kuratorin. Die klug gegliederte Schau hat auch in Berlin Diskussionen ausgelöst.

Als “unerträgliche Ausblendung historischer Wahrheit” haben deutsche Tibetorganisationen die Ausstellung kritisiert. In einer gemeinsamen Erklärung fordern der Verein der Tibeter in Deutschland, die International Campaign for Tibet Deutschland und die Tibet Initiative Deutschland e.V. die Ausstellungsmacher auf, ihr Schweigen über Gewalt und Zerstörung in Tibet nach 1949 zu brechen. “In fast jeder tibetischen Familie finden sich Opfer von Kulturrevolution und chinesischer Besatzung. Es ist entwürdigend, wenn nun so getan wird, als sei all dies nicht geschehen”, erinnert Dalha Agyitsang vom Verein der Tibeter in Deutschland und fordert Bundespräsident Köhler als Schirmherr der Ausstellung auf, “öffentlich zu Religionsunterdrückung, politischer Verfolgung und systematischer Benachteiligung in Tibet Stellung zu beziehen”.

Die Organisationen begrüßten grundsätzlich, dass die tibetische Kultur durch die Ausstellung einem breiten Publikum in Deutschland nähergebracht werde. Sie ziehe sich aber leider inhaltlich völlig auf den kunsthistorischen Anspruch zurück. Aus Anlass der Ausstellungseröffnung fand eine Protestaktion vor dem Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem statt.

Lassen sich Kultur und politische Realität Tibets trennen?

Nachdem die chinesische Volksarmee 1950 in einen Teil Tibets eingedrungen war, annektierte die Volksrepublik 1959 das Land. Der 14. Dalai Lama floh damals nach Indien und bildete eine Exilregierung. Bis heute ist der Status Tibets umstritten. In der Essener Ausstellung bleibt unerwähnt, in welchem Ausmaß China vor und während der Kulturrevolution den tibetischen Buddhismus in seiner äußeren Form vernichtete. Ein Großteil der Klöster und Tempel wurde ausgeplündert und zerstört. Über 90 Prozent der Mönche und Nonnen konnten ihre Religion nicht mehr ausüben. Etwa 1,2 Millionen Tibeter wurden ermordet. Erst nach Maos Tod 1976 setzte eine langsame Liberalisierung ein.

Jenseits dieser Debatte entsteht in der Ausstellung leicht das Bild, als sei Tibet ein buddhistisches Land. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die Auseinandersetzung des Buddhismus mit der traditionellen tibetischen Religion des Bon keinesfalls alle Zeit friedfertig verlief. Auch auf den Bon selbst fehlt jeglicher Hinweis.

Die Alternative wäre vermutlich gewesen: gar keine Ausstellung. Aber dafür habe ich meinen ahnungslosen westlichen Blick in einen fremden Kosmos zu sehr genossen.

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Boddhisatva Maitreya

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Buddha Shakyamuni

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Dakini Nada Kechari

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Yama

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Shridevi

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Mahasiddha Damarupa

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Mahasiddha Kanha

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Das Rad der Lehre

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Modell des Mahabodhi-Tempels in Bodh Gaya

Written by huehueteotl

May 29, 2007 at 10:55 pm

One Response

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  1. Thank you for the brilliant post . Will now more stop by. Greetings from Cologne

    Rohrreinigung

    April 28, 2013 at 5:05 pm


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