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Genitalstellen an der Nase

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“Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorganen” – Wilhelm Fließ (1902)

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Die Menstruation galt lange als “Entartungserscheinung”, als krankhaft, etwa durch mangelnde Hygiene provoziert oder durch eine chronische Reizung des Nervensystems hervorgerufen. Zwischen den Erkrankungen weiblicher Genitalien und denen des Nervensystems wurde prinzipiell ein enger Zusammenhang angenommen.

Auch die explizite Verbindung von Nase und – weiblichem – Geschlecht nahm im medizinischen Diskurs der Jahrhundertwende durchaus einen gewissen Raum ein: Von Wilhelm Fließ etwa, einem mit Sigmund Freud befreundeten Arzt, erschien 1897 dessen Hauptwerk “Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen” und 1902 die Schrift “Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorgan”. Fließ nahm an, dass Beschwerlichkeiten wie beispielsweise Magen- oder Menstruationsleiden, in bestimmten sexuellen Praktiken, im Geschlechtsorgan lokalisiert, über die Nase behandelbar wären. Traurige Berühmtheit erlangte diese Praxis durch die Operation Fließ‘ an Emma Eckstein, einer Patientin Freuds, im Februar 1895, der Freud zustimmte. Aufgrund eines Kunstfehlers Fließ’ litt sie lange an den Folgen dieser unnötigen und selbstverständlich fruchtlosen Operation.

Bei Fließ heißt es zu den “Genitalzonen” in der Nase: “… deren Zugehörigkeit zu den Geschlechtsorganen (wird) zunächst durch die Veränderung bezeugt, die sie ganz typisch, wenn auch in wechselndem Ausmaß, bei der Menstruation des Weibes erleiden… Es ist bekannt, das an den Nasenmuscheln ein eigentlicher Schwellkörper sich befindet, wie er auch an den Wollustorganen des Mannes und der Frau wiederkehrt. Physiologisch zeigen sich an jenen Stellen der Nase… bei jeder Menstruation besondere Veränderungen… Die typische Ursache der Neurasthenie junger Leute beiderlei Geschlechts ist die Onanie (Freud). Die Onanie aber ruft – ebenso wie der Koitus interruptus – Veränderungen an den nasalen Genitalstellen hervor, die ihrerseits wieder für die Nase die charakteristischen Fernschmerzen erzeugen.”

An dieser Auffassung zerbrach sogar die langjährige Freundschaft zwischen Freud und Fließ.

Trotz des wachsenden Einflusses der Freudschen Psychoanalyse hielt sich die Theorie der “nasalen Reflexneurosen” hartnäckig. Die letzten Berichte über Behandlungserfolge gab es bis in die vierziger Jahre.

Mit der Positionierung des Weiblichen in diesem des medizinisch-psychologischen Diskurs wird eine latente Geschlechtsmetaphorik, vor, und auch nach Fließ, deutlich: das aufgeklärte männlich-rationale Subjekt, dessen Erkenntnis wesentlich durch sein Sehen bestimmt ist, verortet sich selbstbestimmt und beweglich und weist der Anderen wiederum jene Aspekte zu, die seiner Identitätskonstruktion zuwiderlaufen: Negativität, Trieb, Krankheit, Tod – Auflösung durch Vereinnahmung. Dem Geruch sind in dieser Metaphorik wesentlich zwei Aspekte eigen, jener der Sexualität und jener der Verwesung, des Todes, Aspekte, die für die Bestimmung des Weiblichen im Geschlechterdiskurs der Jahrhundertwende fundamental sind.

Bereits Kant bezeichnete die sogenannten Zustandssinne als niedere Sinne, weil sie der Erkenntnis kaum dienlich seien. Rolf Dagstra wendet sich gegen das Primat des identitätskonstituierenden Blicks bei Lacan und klagt demgegenüber “witterndes Gespür” als eine nicht rein analytische, sondern “diffundierende […], emphatische […]” Art des Erkennens ein. “Nein, diesem narzisstischen Blick, der als des Pudels Kern unserer Einbildungskraft in die Individualgeschichte eingeht, liegt ein Fonds spürenden Erkennens und Wiedererkennens zugrunde, durch welches sich der Säug- und Riechling in unverkennbar sensibler Weise auf seine besondere Welt einlässt.”

Möge sich jeder selbst an die eigene Nase fassen…

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Written by huehueteotl

March 5, 2007 at 11:53 pm

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